Zum Tode von Alexander Saal

08.10.2018

bvft LogoAm 03. Juni verstarb, mit 50 Jahren viel zu früh, unser Kollege Alex Saal. Alex war leidenschaftlicher Sounddesigner und fast 30 Jahre als solcher in der Filmbranche tätig. Zu seinen Filmen zählen unter anderen Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, Dieses bescheuerte Herz, Heute bin ich Blond, Wir sind die Nacht, Pandorum, Die Welle, und Sophie Scholl.

Zu seinem Angedenken haben zwei Weggefährten von Alex einen Nachruf jeweils in Form eines Briefes an ihn verfasst. Dennis Gansel, der als Regisseur sehr viel, ja fast ausschließlich mit ihm zusammenarbeitete und der Komponist Heiko Maile, welcher ebenfalls bei vielen Produktionen eng mit ihm zusammenarbeitete. Für beide war „Jim Knopf …“ die letzte gemeinsame Produktion mit Alex Saal. Kurz nach der Fertigstellung verstarb er – sein Sound lebt weiter!

Wir sind, wie alle Kollegen und Kolleginnen die wir gesprochen haben, erschüttert ob des plötzlichen und viel zu frühen Todes von Alex und möchten – auch durch den Nachruf von Dennis und Heiko – gemeinsam daran erinnern, wie viel mehr wir doch alle sind, als eben bloße Kolleg*innen.

Euer Vorstand der bvft

 

Brief von Dennis Gansel:

Lieber Alex,

ich war 21 als wir uns kennen lernten. Ich hatte gerade meinen ersten Kurzfilm „The Wrong Trip“ gemacht und Du solltest das „sound design“ machen. Ein merkwürdiger Begriff, den ich das erste Mal bei Dir gehört hatte. Den Kontakt hatte – wie bei so vielen Menschen die ich beim Film kennen lernen sollte – Christian Becker gemacht. Keine Ahnung, wie er Dich aufgetrieben hatte.

Ich besuchte Dich also in Deinem Studio in Schwabing. Deine Wohnung war direkt daneben im Hinterhof. Ich sollte sie jedoch in den kommenden Jahren nie zu sehen bekommen. Du hast schon damals das Private sehr abgeschirmt. Was man aber zu sehen bekam, war ein riesen Hund, der immer einen kompletten Ausraster bekam, wenn man Dich besuchte. Die Töle musste von Dir immer erst in einer Art Nebenraum eingesperrt werden, bevor Du Gäste empfangen konntest. Man spürte, dass hier eher ein armer Produzent einen Wadenbiss riskieren würde, als dass Du den Hund zähmen wolltest.

Du warst eigen mein lieber Freund. Aber Du warst auch faszinierend eigenbrödlerisch.
Und besessen vom Sound. Wie Du das schon sagtest…. „sound“ … mit ganz weichem „S“. Wenn man darauf zu sprechen kam, gab es kein Halten mehr. Das erste Mal hörte ich wirklich jemanden mit voller Leidenschaft und Expertise vom Mysterium Vertonung sprechen.
Etwas, über das ich mir zuvor noch viel zu wenig Gedanken gemacht hatte.
Du hattest hingegen alles verinnerlicht und träumtest beispielsweise von der perfekten Harmonie zwischen Sounddesign und Musik, so wie Du es bei „Blade Runner“ empfunden hattest.

Ich war auf jeden Fall schwer beeindruckt von den Sessions bei Dir. Wo Du unseren kleinen Studentenfilm durch einen echten Projektor laufen ließt, während Du an ihm arbeitetest. Ein echter Projektor!

Ich wurde durch Dich zum Ton Groupie. Lernte genau hin zu hören. Die unendlichen Feinheiten zu erkennen, aus denen die unterschiedlichen Sounds gemacht waren.

Das Chewbacca aus vielen Komponenten zusammengesetzt war, hatte ich zwar schon gehört, aber Du spieltest es mir vor und analysiertest, wie es exakt gebaut war.

Stundenlang konnten wir über die Genese des T-Rex Sounds philosophieren und ich erinnere mich noch, wie ich bei Dir über die Anlage Michael Manns „Heat“ sah und mir die Schießerei fast die Ohren weg blies. DAS konnte Ton leisten. DAS konnte er emotional bewirken. Eine neue Welt, die bis auf wenige Ausnahmen wie beim BOOT, viel zu wenig genutzt wurde.

Ich hatte nun eine Ahnung was Ton leisten konnte. Und war angefixt.

Für Privates war bei Dir kaum Zeit. Woher Du kamst, wer deine Familie war, wen du gerade liebtest, das alles war in den 23 Jahren unserer ungewöhnlichen Freundschaft nie ein Thema. Wenn es Dir zu privat wurde, musstest Du dann auch los und komplimentiertest mich hinaus, um mit dem Hund noch ein paar Runden um die Alte Pinakothek zu drehen.

Ein Regisseur liebt die Post. Nach dem Stress des Drehens, der Mühen der Finanzierung, den teils anstrengenden Schauspielern und der immer viel zu vollen Tage am Set, betritt man eine Oase der kreativen Ruhe. Man trifft auf die geheimen Stars hinter den Kulissen. Oft eine Ansammlung außergewöhnlich kluger und leidenschaftlicher Menschen. Bescheiden genug, um nicht das Licht der Öffentlichkeit zu suchen und besessen und begabt genug, um die Filme zu dem zu formen was sie am Ende sind.
Cutter, Musiker, Mischtonmeister und Sounddesigner.

Niemand wird im Kino Deinen Namen bemerken, Alex. Und doch hast Du mehr Tage und Nächte an „Die Welle“ gewerkelt, als die 2 Hauptdarsteller zusammen Drehtage hatten.

Wenn Du anriefst, konnte man sich plötzlich in einem stundenlangen Gespräch wieder finden, wo es nur um ein einziges Thema ging. Den perfekten Sound.

Du warst angenervt vom deutschen Kino und leidenschaftlicher Verfechter von mehr Vielfalt und Genre. Und wenn Dir ein Film gefiel, gab es nichts anderes. Nur Dein Studio, die viel zu vielen Zigaretten und der Film.

Du hast mich in den letzten Jahren noch oft privat zu Dir nach Bruckberg eingeladen. „Kommst halt mal vorbei, wenn du in München bist.“

Es war nie die Zeit. Warum ist eigentlich nie die Zeit. Ach Alex, mir wird ganz schwer ums Herz. Ich habe an dem Abend Deines Todes Heiko Maile angerufen, der wie ich so viele Jahre mit dir verbracht hatte.

Auch er wusste privat viel zu wenig von Dir.

Wir saßen schweigend am Telefon. Er in Stuttgart, ich in Berlin. Wir waren Freunde. Man muss mehr Zeit miteinander verbringen und auf die Hektik scheißen.

Ich wusste, dass Du Koch gelernt hast, doch haben wir es in all den Jahren nicht geschafft, einmal zusammen zu kochen und zu Abend zu essen.

Das holen wir nach mein Freund, wenn wir uns wiedersehen.
Danke, dass wir uns kannten!

Dein Dennis

 

Brief von Heiko Maile:

Lieber Alex,
jetzt bist Du schon eine ganze Weile nicht mehr unter uns und ich kann das immer noch nicht fassen. Die Vorstellung, nie wieder mit Dir sprechen zu können, das will einfach nicht in meinen Kopf hinein.

Als ich auf Deiner Beerdigung war und erstmalig Deine Familie traf, wurde mir bewusst, dass ich von Deinem Privatleben so gut wie gar nichts wusste. Das hat mich wirklich umgehauen! Viele gemeinsame Projekte in den letzten 10 Jahren, endlose Telefonate über Gott und die Welt, Sound und Musik – da stand ich nun und wusste noch nicht einmal, dass Du verheiratet warst oder lange Zeit als Koch gearbeitet hast. So habe ich an diesem Tag sehr viel Neues über Dich erfahren. Bei einer Sache allerdings, da konnte ich wirklich mitreden: Deine unglaubliche Begeisterung für Film, Ton und Musik.

Als wir uns 2008 bei der Arbeit zu Dennis Gansels Film „Die Welle“ kennengelernt haben, war ich ja bereits durch meine langjährige Arbeit mit meiner Band „Camouflage“ und unzählige TV-Spots und Image-Filme ein alter Hase im Musikgeschäft. In Sachen Kino, Sounddesign und Surround-Mischungen war ich aber ein blutiger Anfänger. In den Jahren davor wurde mir von verschiedener Seite immer wieder erzählt, dass bei solchen Produktionen sich gerne mal Sounddesigner und Komponist in die Haare kriegen. Als nun bei ARRI München die Hauptmischung für „Die Welle“ anstand, war ich etwas nervös, was denn da so alles auf mich zukommen würde. Das genaue Gegenteil trat ein. Wir verstanden uns von Anfang an sehr gut und ich nutzte die Gelegenheit, Dich, Choco und Tschangis mit allen möglichen Detailfragen zum Thema Film und Ton zu löchern. Ihr hattet Geduld mit mir und ich konnte sehr viel von euch lernen.

Die Chemie zwischen uns stimmte, das haben wir beide schnell bemerkt. Unser gemeinsames Meisterstück sollte erst 3 Jahre später folgen. Dennis hatte endlich grünes Licht für seinen Vampirfilm bekommen und wir wollten dafür ein richtiges Sound-Spektakel zünden. Das gegenseitige Anfeuern für „Genre“, abgedrehte Sounds und eine kraftvolle Filmmusik, das hat uns wirklich zur Höchstleistung getrieben. Das Ergebnis kann sich immer noch sehen und hören lassen, auch international. Mit meiner Musik wurde ich anschließend für den Deutschen Filmpreis nominiert, gewonnen hat leider ein anderer Film. Schade. Ich konnte keine Dankesrede halten, denn Du standst auf meiner Dankesliste ganz weit oben!

Mit jedem Projekt bekam ich mehr Einblicke in Deine Vorstellungen über Klang und den „Sound einer Geschichte“, über Deine musikalischen Vorlieben für epische und emotionale Musiken und Deine Begeisterung für den „Blade Runner“ Soundtrack von Vangelis.

„Die Vierte Macht“ brachte uns nochmal eine sehr intensive Zusammenarbeit, danach wurden es leider weniger gemeinsame Projekte. Trotzdem hatten wir regelmäßig Kontakt, hielten uns gegenseitig auf dem Laufenden oder sinnierten mal wieder über den Stand des deutschen Films. Nie vergessen werde ich Deine Reaktion auf meinen Anruf, in dem ich Dich naiv „schnell mal“ um ein paar Audiofiles mit Aufnahmen von Schritten bat, die ich für den Animationsfilm „Nuggets“ brauchte. Dein anschließendes Referat über den Kosmos „Schritte“ war eine dicke Lektion für mich. Wer läuft hier wie und wo? Belag, Schuhe, Statur, Raumklang, Timing? Am Ende sagtest Du noch: „Vergiss es, ruf den Normann und den Max an, die machen das Live im Studio…“. Das habe ich dann auch gemacht, das Ergebnis war perfekt!

Im Vorfeld für „Jim Knopf“ hast Du mich oft angerufen immer in der Annahme, dass
„der Rat Pack Haufen“ jetzt wieder zusammen käme und ich auch bei diesem Dennis Gansel Film die Musik schreiben würde. Du sprachst oft davon, dass Dir das Sounddesign dieses Films extrem am Herzen liegen würde, nicht zuletzt wegen der essentiell wichtigen Klanggestaltung für die Lok „Emma“. Dann wurde ein anderer Komponist mit der Filmmusik beauftragt, es sollte in diesem Fall keine Zusammenarbeit mit uns geben. Ein paar Monate später war die Überraschung groß. Dennis rief an und erzählte mir von Deinem immensen Arbeitsaufwand für den Film. Ihr beide hattet euch überlegt, mich mit ein paar Sonderaufgaben einzubinden. So kam es, dass ich am Ende doch noch an „Jim Knopf“ mitarbeitete. Ich sollte auf Basis Deiner Vorarbeiten ausloten, ob man nicht eine Art Klangsprache oder Kommunikation für „Emma“ entwickeln könnte, eine Klang- oder Musikwelt, die über ein einfaches Pfeifen hinausgehen sollte. Ein Startschuss für einen intensiven Austausch mit Dir, tägliche Besprechungen über die noch so kleinsten Klang-Details bis hin zur exakten Anlieferung für die anschließende Atmos-Mischung.
Gemessen an Deiner komplexen Klangwelt des kompletten Films, war mein Bereich natürlich nur ein kleiner Baustein. Aber ich bekam darüber einen noch tieferen Einblick in Deine Gedankenwelt, in die Ansprüche an Dich selbst, Deine Detailliebe und Professionalität.

Nach Abschluss des Projekts hatten wir leider nur noch einmal die Gelegenheit am Telefon miteinander zu sprechen. Du erzähltest mir wie glücklich Du mit dem Ergebnis Deines Meisterstücks warst und dass nun der Zeitpunkt gekommen sei Dein eigenes Filmprojekt zu Ende zu bringen, an dem Du seit Jahren gearbeitet hattest. Das dies nun nicht mehr möglich ist, macht mich sehr traurig.

Mir fällt noch etwas ein. Stell Dir vor:
Nacht, Großstadt, Regen. Auf dem Dach eines Hochhauses sind zwei Männer zu erkennen. Ein Kampf hat stattgefunden. Einer der Beiden ist bis zur Hüfte in das Dach eingebrochen und scheint verletzt zu sein. Leichtes Donnern im Hintergrund, im Vordergrund sind einzelne Regentropfen zu hören. Ein paar Tauben fliegen aufgeschreckt davon.

Musikeinsatz: Ein atmosphärischer Synthesizer-Klang schält sich langsam aus der Geräuschkulisse.

Der verletzte Mann beginnt mit gebrochener Stimme zu sprechen: „I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched c-beams glitter in the dark near the Tannhäuser Gate. All those moments will be lost in time, like tears in rain.”

Alex, ich werde Dich vermissen!

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