Über die Notwendigkeit der 2. Tonassistenz bei Spielfilmdreharbeiten

26.01.2021

von André Zacher

Foto eines Angelmikrofons im WindkorbDie Originalität des Dialoges vom Set ist hinsichtlich Authentizität und emotionaler Qualität einer Szene unersetzlich. Dafür muss der Originalton – möglichst ungestört von Geräuschen und Hintergrundlärm – satt und verständlich aufgenommen werden.

Für die Aufnahme gibt es am Set einfach gesagt zwei Optionen: Angelmikrofone und Ansteckmikrofone. Heutzutage besteht ein gut verwendbares O-Ton Signal meist aus einer Kombination der beiden Spuren, welche in der Tonpostproduktion phasenkorrigiert zusammengemischt werden. Manchmal funktioniert das eine oder das andere Signal besser für die optimale Wiedergabe des Dialogs, meist ist jedoch die Verwendung beider zusammen notwendig. Das Ansteckmikro ist also kein Ersatz für die Angel, sondern deren Ergänzung.

Der stetig wachsende Qualitätsanspruch an Kinofilme, TV-Movies und Serien, die grundsätzlich zunehmende Lärmverschmutzung und die schrumpfenden Zeitbudgets der Produktionen machen die Realisierung eines hochwertigen Originaltons zu einer immer größeren Herausforderung. Durch die Verwendung kostengünstiger digitaler Medien fallen Proben so gut wie weg – es wird einfach sofort gedreht. Szenen werden ohne Unterbrechung in mehreren Durchläufen gespielt. Es kommen mehrere Kameras zum Einsatz, die gleichzeitig verschiedene Perspektiven abdecken, was nahes Angeln erschwert.

Um dabei noch ein gutes Ergebnis zu bekommen und möglichst reibungslos zu arbeiten, ist eine dritte Kraft beim Ton am Set unverzichtbar: die 2. Tonassistenz. Man nennt diese Position auch 2. Angler*in, 2. Boom Operator, Tongeräteassistenz oder Utility Sound. In amerikanischen, englischen und französischen Kino- und Fernsehproduktionen ist sie längst Standard.

Eine 2. Tonassistenz spart der gesamten Produktion am Set Zeit – und damit Kosten. Für den Set-Ton wichtige Vorbereitungen und Tätigkeiten können reibungslos parallel erledigt werden, während Originaltonmeister*innen und 1. Boom Operator sich auf Proben und die notwendige Kommunikation mit den anderen Gewerken konzentrieren können.

Die wichtigsten Gründe die eine 2. Tonassistenz notwendig machen:

  • Vorbereitung

    Mit einem Dreiertonteam erhöht sich die Geschwindigkeit bei Transport, Auf- und Abbau der Technik am Anfang und Ende des Drehtags als auch bei Motivwechseln. Nicht nur an schwer zugänglichen Motiven und in unwegsamem Gelände spart dies Arbeitszeit und gegebenenfalls Überstunden ein.
    Teile der technischen Vorbereitung, wie zB Timecodesychronisierung von Tongeräten und Kameras, Verteilen der Mithörempfänger, Betreuen des Videofunkempfangs oder akustische Maßnahmen, werden durch die 2. Tonassistenz durchgeführt und können parallel zu Proben und anderen Vorbereitungsarbeiten stattfinden. Daraus resultieren weniger Wartezeiten auf den Ton und weniger Arbeitszeiten bzw. Überstunden für alle.
    Zu zweit wäre manches Drehpensum und der damit verbundene Mehrzeitaufwand heute gar nicht mehr zu schaffen, bzw. die Überstunden nicht mehr im legalen Bereich.
  • Zweite Angel
    Qualität, Perspektive und Räumlichkeit im Signal von Angelmikrofonen relativieren den Sound der direkt klingenden Ansteckmikrofone und werten die Kombination beider Signale in der Mischung entscheidend auf. Schon bei einfachen Zweierdialogen in Schuss – Gegenschuss Auflösung ist es daher ein deutlicher Unterschied, ob man mit nur einem oder mit zwei Angelmikrofonen parallel arbeiten kann. Da nicht nur die Rolle im „On“ geangelt wird, können Dialoge so auch ohne für Regie und Schauspieler oft lästige Schnittpausen gespielt werden, was in einer viel höheren Natürlichkeit und Authentizität resultiert.
    Das Signal des zweiten Angelmikros erleichtert auch den Bild- und Tonschnitt erheblich, wodurch aufwändige Nachsprecher und Nurtöne und damit Zeit am Set eingespart werden.
    Improvisierte Dialoge können nur mit mehreren Boom Mics parallel eingefangen werden. Beim Einsatz einer zweiten Kamera, zum Beispiel Schuss – Gegenschuss gleichzeitig, ist ohnehin ein*e professionelle*r zweite*r Angler*in unerlässlich, da dann zumeist zwei Dialogquellen im Bild gleichzeitig mit Angeln zu bedienen sind.
    Zudem ist das zweite Boom Mic auch bei Vordergrund – Hintergrund gestaffelten Akteuren, schwierigen Lichtsituationen, komplizierten Kamerafahrten, mehreren gleichzeitig bespielten Räumen oder vielen Schauspielern in einer Szene absolut notwendig. 
In lauten Motiven, z.B. an belebten Straßen, kann die zweite Assistenz parallel zum Dialog im Vordergrund den Hintergrundlärm isoliert aufnehmen, um Tonsprünge in der Post zu reduzieren.
    Die Qualität des Originaltons wird durch den Einsatz der zweiten Angel wesentlich gesteigert. Gewöhnlich fallen in der Tonpostproduktion deutlich weniger ADR-Sessions mit Schauspielern an, was zu Einsparungen bei Studio-, Personal- und Reisekosten sowie im ADR-Schnitt führt.
  • Verkabeln mit Ansteckmikrofonen

    Während früher drei bis vier Drahtlosstrecken für Ansteckmikrofone am Set schon zur großzügigen Ausstattung gehörten, sind heutzutage auch durchaus 10 oder mehr Systeme gleichzeitig im Einsatz. Das grundsätzliche Verkabeln aller Schauspieler*innen ist Standard geworden. Dies muss gut organisiert sein und zügig ablaufen; möglichst ohne dabei Wartezeiten und damit Kosten für das ganze Drehteam zu generieren. Im Optimalfall kümmern sich zu Beginn des Drehtags Tonmeister*in und/oder Assistent*in um die Verkabelung. Bestenfalls geschieht dies abseits des Sets beim Kostüm, während zeitgleich die restliche Technik aufgebaut wird und technische Proben stattfinden. Vor allem bei räumlicher Trennung von Basis (Maske/Garderobe/Aufenthalt) und Set (Drehort) ist bei dieser Arbeitsweise eine dritte Person im Tonteam notwendig. Pro Schauspieler*in können vor Drehbeginn ca. 5-10 Minuten gespart werden, indem parallel zum Setaufbau anderswo schon verkabelt wird. Das ist nur mit einer 2. Assistenz realisierbar. Manche Drehs – z.B. mit großem Cast und vielen Kostümwechseln – erfordern unter Umständen den gemeinsamen Einsatz von zwei oder sogar drei Mitgliedern des Tonteams gleichzeitig beim Verkabeln der Schauspieler*innen, um Wartezeiten zu verkürzen.
    Eine weitere wichtige Aufgabe der 2. Tonassistenz ist die Versorgung der vielen eingesetzten Taschensender mit Akkus oder Batterien. Oftmals können auch spontane Korrekturen und Umbauten an Ansteckmikrofonen zwischen einzelnen Takes durch eine 2. Tonassistenz einfacher und mit deutlich weniger Zeitverlust für das gesamte Team erledigt werden.
  • Akustische Maßnahmen und Lärmbeseitigung
    Ein weiterer Aufgabenbereich der 2. Tonassistenz oder Tongeräteassistenz kann die kurzfristige akustische Verbesserung der Räume und Beseitigung von Lärmquellen sein. Dies muss oft parallel zu anderen wichtigen Vorbereitungsarbeiten am Set erfolgen, um keine Wartezeiten für das gesamte Team zu generieren. Dazu gehört beispielsweise spontanes Verlegen von Matten und Teppichen und das Hängen von akustisch dämmenden Vorhängen, das Abkleben von Schuhabsätzen, das Lokalisieren und Eliminieren von Störgeräuschen durch Requisiten, Lüfter, Lichtvorschaltgeräte, Heizkörper oder Klimaanlagen.
  • Mithören und Playback
    Das Verwalten und Pflegen der Mithörempfänger (sog. IFBs) für das Filmteam fällt ebenfalls in die Verantwortung der Tonassistenz. Auch hier hat man viel mehr Geräte zu verwalten als noch vor ein paar Jahren. Dazu kommt das Video Village, das oft auch noch an verschiedenen Orten Ton benötigt. Zur Verwaltung gehört zudem die Versorgung sämtlicher Empfänger mit Akkus oder Batterien. Bei einer höheren Anzahl von Monitorwegen und vielen Empfängern an großen Sets ist dies eine Aufgabe, die nur mit einer 2. Tonassistenz geleistet werden kann.
  • Weitere Assistenzaufgaben 

    Bei einer Produktion können viele Sounds zusätzlich zu den Dialogaufnahmen aufgezeichnet werden, diese sind für die Tongestaltung eines Films in der Tonpostproduktion äußerst wertvoll. Wenn diese Töne nicht existieren, können sie dort oftmals nur mit stark erhöhtem zeitlichen und finanziellen Aufwand hergestellt werden – falls überhaupt. Dazu gehören zum Beispiel spezifische Atmosphären, Nurtöne von Komparsen, Fahrzeugaufnahmen, seltene Maschinen und andere klanglich schwer reproduzierbare Requisiten. Oftmals können diese Aufnahmen aufgrund des Zeit- und Kostendrucks am Set – an dem „kein Stillstand sein darf“- nicht grundsätzlich im Rahmen der Dreharbeiten realisiert werden. Die 2. Tonassistenz kann durchaus selbst eigenständige Aufnahmen mit einem autarken Recording Setup abseits vom eigentlichen Set mit Einfallsreichtum und Organisationstalent erstellen. Auch kann sie für aufwändigere Nurtöne Motive, Requisiten oder Fahrzeuge bereits vorbereiten und mikrofonieren, während an anderen Orten noch gedreht wird. Gegebenenfalls kann sie auch für Atmo- und Nurtonaufnahmen eingesetzt werden, während das Drehteam ans nächste Set umzieht.
    An Sets mit mehreren Kameras und Audio Recordern erhöht sich auch entsprechend der Aufwand für die Synchronisierung der Geräte, was oftmals federführend vom Tonteam betreut wird. Gemeinsam mit dem Kamerapersonal wird der Jam Sync und Akkuwechsel der Timecodegeneratoren von der 2. Tonassistenz übernommen.
    Für Drehsituationen, die eine Tonzuspielung erfordern (z.B. Musik Playback), kann die 2. Tonassistenz eine Anlage technisch vorbereiten und unter Umständen auch als Operator für die Zuspielung fungieren.
    In kleinen, abgesetzten Splinter Units, welche Bilder ohne Dialog aufnehmen, übernimmt die 2. Tonassistenz gegebenenfalls die Tonaufnahme parallel zu den Dreharbeiten der Main Unit, die dann mit nur noch einem Boom Operator arbeiten muss.
  • Nachwuchs-Ausbildung

    Die Besetzung der Tongeräteassistenz durch jüngere, unerfahrenere, aber engagierte Kolleg*innen helfen, dem Trend zum Personalmangel im Bereich Boom Operator entgegenzuwirken. Ist also aus budgetären Gründen kein Einsatz einer vollwertigen 2. Tonassistenz möglich, ist der Einsatz einer Tongeräteassistenz (Sound Utility) unbedingt in Betracht zu ziehen.

Dieser Artikel erscheint bald im bvft Filmton Guide 2021.

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