Selbständigengage versus Tariflohn

In unserer Gagenempfehlung orientieren wir uns am Tarifabschluss zwischen Verdi und der Produzentenallianz. Mit einem Aufschlag von 30% leiten wir daraus auch die Mindestgagen für unsere selbständigen Mitglieder ab. Dieser Wert ergibt sich aus den Lohnnebenkosten, welche die Filmproduktionen für ihre angestellten Mitarbeiter aufwenden:

Im Jahr 2017 beläuft sich die Bruttowochengage für auf Produktionsdauer Angestellte (5 Tage, max. 50h) auf:

Ton(meister*in): 1.537 €
Tonassistent*in: 1.334 €

Für die Produktionsfirmen ergeben sich aus dem Angestelltenverhältnis auch noch Zusatzkosten in Form von Arbeitgebende-Anteilen an die Sozialversicherungen. Die wahren Kosten, die Angestellte der Produktionsfirma „verursacht“, sind also beträchtlich höher
In den Gagenverhandlungen der Selbstständigen mit den Produktionsfirmen kann das Wissen um die verdeckten Kosten die eigene Verhandlungsposition erheblich stärken, denn meist sind die Gelder über die tarifbasierte SESAM-Kalkulationssoftware bereits budgetiert.

Manche Produktionsleitung beziffern die Lohnnebenkosten fälschlicherweise auf lediglich 20%. Bei genauer Betrachtung bewegen sich realistische Aufschläge  jedoch im Bereich von 26-29%! Dem entsprächen Tonmeister*innen-Rechnungsgagen von mindestens 400-430 Euro pro 10h-Tag (zzgl. USt.)

Lohnnebenkosten

Hier eine Auflistung der Lohnnebenkosten, welche die Produktionsfirmen für ihre Filmmitarbeiter (<10 Wochen beschäftigt) bezahlen. Eine gute und schnelle Berechnung der Lohnzusatzkosten für Arbeitgebende und Beschäftigte findet sich unter www.imacc.de

  • Rentenversicherung 18,7%
  • Arbeitslosenversicherung 3,0%
  • Krankenversicherung 14,6% (allgemeiner Beitrag bzw. 14,00% ermäßigt)
  • Pflegeversicherung 2,55% oder 2,8% (Kinderlose)

Die Hälfte der vorigen Beiträge – ca. 19,4% – sind vom Arbeitgeber zu tragen.

  • Umlage U1 / Krankheitsrisiko ab 1. Woche*: ca. 1,9% (z.B: TK)
  • Umlage U2 / Mutterschutz: ca. 0,38% (z.B.: DAK)
  • Umlage U3 / Insolvenzgeld: 0,09%
  • Urlaub 0,5 Urlaubstage*/Woche= 10%
  • Unfallversicherung (Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medien): 1,0%
    (Gefahrtarifstelle 1311, -klasse 3,5; Berechnung: Bruttojahreslohn x Gef.-klasse x 0,00318 x 10% Rabatt)
  • Tantiemen: – (separater Bestandteil des Urhebertarifvertrages)
  • Weihnachtsgeld: –
  • Urlaubsgeld: –

Die letzten drei Punkte sind zwar für Angestellte möglich, im projektbasierten Filmgeschäft allerdings unüblich, weswegen sie nicht berechnet werden.

(*Sonderregelungen im FFS-Tarifvertrag, ohne Verdi-Mitgliedschaft möglicherweise weniger Schutz/Leistung)
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Es ergibt sich:

Bruttoangestelltenlohn + ca. 32,5% Nebenkosten <= Arbeitskosten für Produktionsfirmen

Beitragsbemessungsgrenzen

Für Sozialversicherungsbeiträge gelten jedoch Beitragsbemessungsgrenzen (BBG).

  • BBG1 gilt für Kranken-, Pflegeversicherung und ist derzeit bei 4350 €/mtl.
  • BBG2 gilt für Arbeitslosen-, Rentenversicherung und U1, U2, U3 und liegt derzeit bei 6350 €/mtl. (im ehem. Ostdeutschland 5.700 €)

Übersteigen die monatlichen Angestelltenlöhne diese Grenzen, so sinken die prozentualen Lohnnebenkosten, da die Beiträge sich an den festen Obergrenzen orientieren. Bei einer Tonmeister*innengage von 1.537 €/Woche bei 4,3 Wochen/Monat ergeben sich bei größeren Projekten Monatslöhne von 6.609 €. (Die Überstunden werden in zusätzliche Arbeitstage umgewandelt (Tarifvertrag „Zeitkonto 50-40“)) Wendet man die Beitragsbemessungsgrenzen darauf an, so sinken in diesem Beispiel die prozentualen BBG-behafteten Arbeitgeber-Beiträge auf ca. 18,25%, (1206 €), was einem gesamten Nebenkostenanteil bei größeren Projekten von 29,3% ausmacht.

(Nebenbei zeigt sich: Wer sich Überstunden und Urlaubstage nicht auszahlen, sondern per Zeitkonto-Regelung als zusätzliche Arbeitstage „hinten“ anhängen lässt, der profitiert neben mehr Beitragstagen für die Arbeitslosenversicherung auch von höheren Einzahlungen der Arbeitgeber in die Rentenversicherungen. Manche Produktionsfirmen sträuben sich gegen das Zeitkonto, da dies deren Lohnnebenkosten erhöht.)

Die weitere Berechnung wird vorerst aber mit dem obigen Satz von 32,5% fortgeführt.

Künstlersozialkasse

Das Engagement von Selbstständigen hat für die Produktionsfirma folgende finanziellen Konsequenzen: Es entstehen Kosten in Form einer Abgabe an die Künstlersozialkasse. Der KSK-Beitrag fällt für alle Selbstständigen an, die eine Filmproduktionsfirma engagiert, egal ob diese KSK-Mitglieder sind, oder nicht.

Die KSK-Beiträge der Produktionsfirmen sind quasi die „Lohnnebenkosten“ der Selbstständigen. Wenn die Selbständigengagen also aus Sicht der Produktionsfirmen in Höhe der Arbeitskosten für Angestellte angesetzt werden, dann gilt:

Bruttoangestelltenlohn + 32,5% ~ Selbstständigen-Gage + KSK-Beitrag

ergibt

Bruttoangestelltenlohn + 32,5% – KSK-Beitrag ~ Selbstständigen-Gage

Die Rechnungsstellung bietet für die Produktionsfirmen weitere Vorteile, da die Kosten erst nach der Arbeitsleistung anfallen (nicht am Monatsbeginn) und zudem wenig Bürokratie erfordern.

  • Bürokratie-Einsparungen durch Rechnungsstellung: ca. 0,3%
  • Kreditzins (10%/a) durch nachgelagerte Auszahlung des Rechnungsbetrages (1 Monat): 0,8%
  • Auch die unbezahlten Feiertage bei Selbstständigen sind barer Vorteil für die Produktionsfirmen, sind aber statistisch schwer fassbar. Bei bundesweit ca. 7 Feiertagen, die auf im Jahr auf einen Arbeitstag fallen, ergeben sich im Schnitt 0,13 Feiertage pro Woche, also ca. 0,1% Vorteil.

also:

Bruttoangestelltenlohn + 32,5% – KSK-Beitrag ~ Selbstständigen-Gage + „Vorteile durch Rechnungsstellung“

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Aus Kostensicht der Produktionsfirmen entstehen also gleichwertige Arbeitskosten für Angestellte und Selbstständige, wenn die Relation

Bruttoangestelltenlohn + 28,5% ~ Selbstständigengage

erfüllt ist.

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Greifen bei größeren Projekten die Effekte der Beitragsbemessungsgrenzen (Monatsbruttolöhne > 4.350 €), dann sinken die effektiven Lohnnebenkosten auf:

Bruttoangestelltenlohn + 25,3% ~ Selbstständigengage
(Beispielberechnung: Monatsbruttolohn tariflicher Settonmeister*innen bei monatlicher Vollzeitbeschäftigung und Anstellung auf Produktionsdauer unter 10 Wochen).

Über 10 Wochen Beschäftigungsdauer erhöhen sich die Vorsorgekosten der Arbeitgebenden für Krankheitsausfall um ca. 1-2%.

Legt man Tarife zugrunde, die nicht auf Produktionsdauer, sondern auf unbefristete Anstellung ausgelegt sind, dann addieren sich bei selbstständiger Tätigkeit natürlich weitere geldwerte Vorteile für die Produktionsfirmen wie z.B. Beschäftigungsrisiko, Entlassungskosten…

Die bvft-Gagenempfehlung hat die hier gezeigten Lohnzusatzkosten bereits berücksichtigt, weshalb die Selbständigengagen 30% über den Tarifgagen für befristet Angestellte liegen.

Wir wollen darauf hinweisen, dass es nicht im Sinne der Tonschaffenden sein kann, tarifbasierte Angestelltenlöhne mit der eigenen Gagenhöhe zu unterlaufen. Das gilt insbesondere für selbststständige Rechnungssteller! Der Tarifvertrag und die bvft-Empfehlung nennen deswegen MINDESTgagen, die über- aber nicht unterschritten werden sollten.

Überstunden

Da der Tarifabschluss für ein Volumen von 50 Wochenstunden ausgelegt ist, ergibt sich auch zwingend die Notwendigkeit einer Überstundenvergütung in den Gagenverhandlungen.
So sieht der Tarifvertrag einen

  • 25% Lohnzuschlag für Arbeitszeiten ab der 10. Stunde vor (auf 50h-Woche hochgerechnet),
  • 60% Lohnzuschlag für Arbeitszeiten in der 13. Stunde,
  • 100% Lohnzuschlag für Arbeitszeiten ab der 14. Stunde. Jedoch sind dermaßen lange Arbeitszeiten nur noch in Ausnahmefällen zulässig.
  • 25% Zuschlag sind außerdem fällig für Nachtarbeit zwischen 22-6h, sowie an Sonn- und Feiertagen

Gute Verhandlungsergebnisse wünscht
Der bvft-Vorstand

Stand: März 2017