Die künstlerische Schöpfungshöhe des Sounddesigns im Film

Sounddesign ist die Kunst, die Welt akustisch neu zu erschaffen.

Die Möglichkeiten dabei sind schier unendlich. Bei seinem Auftrag ist der Sounddesigner einzig und allein an die Aufgabe gebunden, dem Film tonlich gerecht zu werden, die Intention und das Genre des Films zu unterstützen.

Im Stadium der Übergabe an den Sounddesigner befinden sich die meisten Filme im Zustand rudimentärer Akustik. Verfolgungsfahrten sind stumm gedreht. Schusswechsel klingen nach Erbsenknallerei, kein Vogel zwitschert im Alpenidyll, kein Donnergrollen, das das nahende Gewitter ankündigt. In Lokalen sitzen Menschen, die den Mund bewegen, aber stimmlos sind.

Diese Stille ist die Basis für die Arbeit des Sounddesigners, aus ihr heraus entsteht die akustische Welt des Films. So unterschiedlich Filme sind, so verschieden müssen die Konzepte des Sounddesigners sein.
Das Verständnis dessen, was im Film erzählt werden soll, ist Grundlage für die Entwicklung und künstlerische Ausführung des Konzeptes.

So verlangt mancher Film zurückhaltende Unterstützung, eine Vertonung, die auf die Authentizität der Atmosphären angewiesen ist, so dass das beste Sounddesign klingt, als wäre es schon immer da gewesen und es hätte dessen nicht bedurft. Das historische Dorf, die Baustelle, das Parkhaus, der Rummelplatz: alltägliche Orte in Filmen, die auf der akustischen Ebene erzählt werden; soll doch dem Zuschauer ein Gefühl für Raum und Zeit vermittelt werden.

Das Konzept der Natürlichkeit steht im Gegensatz zu den in Komödien, Action- oder Horrorfilmen angewandten, die auf  Erhöhung und Überzogenheit der Geräusche und Atmosphären angewiesen sind. Dabei steht das Konzept der authentischen Vertonung der künstlichen in nichts nach. Denn es gibt sie nicht, die Atmosphäre, die man wie aus dem Zauberhut herausgreift, passend zum Film, zur Szene.
Jeder Ton im Werk des Sounddesigners ist ein unter künstlerischen Gesichtspunkten neu erschaffener Ton, ein Klangbild, zusammengestellt aus einer Vielzahl von Komponenten, die er auswählt oder generiert.

Dabei erzählt jedes Geräusch, jede Atmosphäre etwas über den Wiedererkennungswert hinaus. Es ist die Stimmung die jedem Geräusch, jeder Atmosphäre innewohnt. Je nachdem, was erzählt werden soll, kann der Sounddesigner mit der Wahl seiner Komponenten spielen, um verschiedenste Stimmungen zu erzeugen.

Der quietschende Fahrstuhl, der Angst macht, er stehe kurz vor dem Absturz, ein lustiges Quietschen, kontrapunktisch eingesetzt in einer Komödie oder das Quietschen eines schon lange nicht mehr gewarteten Fahrstuhls in einer Hochhaussiedlung, erzählen jeweils einen anderen Kontext.
Allein die Gestaltungsmöglichkeiten z.B. einer Tür sind vielfältig. Sie kann unheimlich klingen oder uralt, verklemmt, mächtig oder elegant.
Oder die Wahrnehmung des in den Wahnsinn getriebenen Hauptdarstellers, der in seiner Subjektivität Töne scharf, grell, kreischend oder auch dumpf und entfernt wahrnimmt – der Sounddesigner kann ein Klangbild entstehen lassen, wie ein Maler mit seinen Farben auf seiner Leinwand.

Egal, ob die Normalität einer Szenerie oder die subjektive irrationale Wahrnehmung eines Protagonisten tonlich dargestellt wird: wenn die Tonebene mit der Bildebene verschmilzt, wenn sie vom Zuschauer bewusst nicht fremd wahrgenommen wird, dann war die Arbeit des Sounddesigners perfekt und er ist seiner künstlerischen Aufgabe gerecht geworden.

Kirsten Kunhardt