Filmplus schenkt dem Filmton Gehör

05.11.2015

P1260104bearb-1024x684Einen Grund zum Feiern braucht man im Rheinland ja bekanntlich nicht unbedingt. Einen ganz besonderen Grund dafür gab es jedoch gerade beim Festival „Filmplus“ in Köln. Neben der Vergabe von drei Schnittpreisen und einem Ehrenpreis konnten die Macher des „Festival für Filmschnitt und Montagekunst“ dieses Jahr das fünfzehnjährige Bestehen ihres Filmfests feiern. 

Für die an Tongestaltung interessierten Besucher hatte das Festival eine Vielzahl sehenswerter Filme zu bieten. So rief schon der Eröffnungsfilm „Die Katze“ von Dominik Graf eindrucksvoll in Erinnerung, dass hervorragende Tongestaltung bereits 1988 mit Magnetband am Schneidetisch möglich war. Das anschließende Filmgespräch mit der Editorin des Films und diesjährigen Ehrenpreisträgern Christel Suckow, drehte sich somit in großen Teilen um die Tongestaltung des vom legendären Milan Bor gemischten Films.
Ein weiterer Höhepunkt in Hinblick auf das Sounddesign war sicher „Who am I – kein System ist sicher“. Der diesjährige Gewinnerfilm des Deutschen Filmpreises in der Kategorie „Beste Tongestaltung“ lief im Spielfilmwettbewerb des Schnittfestivals. Über die Tonproduktion des Films haben die bvft-Mitglieder Ansgar Frerich und Florian Beck bereits ausführlich in einem Videoblog  und verschiedenen Vorträgen berichtet. Aus tongestalterischer Sicht nicht unerwähnt bleiben darf auch der Dokumentarfilm „Song from the Forest“. Dessen Protagonist, Louis Sarno, hat im Laufe von 25 Jahren über 1000 Stunden Musik und Gesänge des Pygmäenstamms der Bayaka im zentralafrikanischen Dschungel aufgenommen. Die Tonspur des Films ist somit ein ausgezeichnetes Beispiel für die Verwendung von dokumentarischer Filmmusik.

Die bvft war in diesem Jahr zum dritten Mal Partner des Festivals und somit wieder mit einer Filmvorführung und einem Panel vertreten. Nach den erfolgreichen Veranstaltungen mit den Filmen „Rush“ und „Das finstere Tal“ in den Vorjahren, war es diesmal der dänische Politthriller „The Idealist“ von Christina Rosendahl, anhand dessen den Besuchern die Gestaltungsmöglichkeiten der Tonspur und ihre Auswirkungen auf die Filmdramaturgie demonstriert wurden. Am letzten Tag des Festivals fanden sich ca. 50 Interessierte im Kölner OFF Broadway Kino ein, um an der Vorführung und dem anschließenden Panel teilzunehmen. Als Gäste waren der dänische Sounddesigner Peter Albrechten und Mischtonmeister Lars Ginzel nach Köln gekommen. Die Moderation der Veranstaltung wurde von bvft-Vorstandsmitglied Andreas Hildebrandt übernommen.

Der auf wahren Begebenheiten basierende Film „The Idealist“ beginnt im Jahr 1988 und folgt der Recherche des dänischen Radiojournalisten Poul Brink. Dieser kommt einer groß angelegten Vertuschung im Zusammenhang mit einem zwanzig Jahre zuvor über dem dänischen Grönland abgestürzten B52-Bomber auf die Spur. Die Dramaturgie des Films bedient sich einerseits einer Vielzahl historischer Film- und Tonaufnahmen, andererseits übernehmen die von der Hauptfigur produzierten Radiosendungen und Interviews eine zentrale narrative Rolle. Sie vermitteln immer wieder Brinks Fortschritt bei seinen Recherchen. Somit fiel dem Sound Design nicht nur die Aufgabe zu, das akustische Szenenbild der späten achtziger Jahre originalgetreu zu erschaffen, sondern vor allem auch, die Radiodialogelemente dramaturgisch unterstützend zu gestalten und eine eigene Klanglandschaft für die historischen Dokumentaraufnahmen zu entwerfen. „Ich hatte die Idee, den Sound als Mittel zu verwenden, um in den Kopf der Hauptfigur zu gelangen“, so Albrechtsen.

Peter Albrechtsens Zusammenarbeit mit Christina Rosendahl reicht 20 Jahre bis zu deren Studienzeit zurück. Aufgrund dieser engen Vertrautheit und erfolgreichen Zusammenarbeit bei früheren Filmen, war der Sounddesigner schon während der Drehbuchphase in das Projekt involviert. Dies gab Albrechten die Möglichkeit, Geräusche historischer Ausstattungsgegenstände wie Schreibmaschinen, Telefone und Autos, in Absprache mit der Ausstattungsabteilung frühzeitig und ohne großen Zeitdruck aufzunehmen. „Das Drehbuch war fast so etwas wie ein Menü, man nimmt die verschiedenen Elemente auf, um sie dann später zusammenzubringen. Als der Bildschnitt begann, gab es eine Sammlung von Geräuschen die der Filmeditor verwenden konnte“. Diese Aufnahmen verliehen dem Film später einen großen Teil seiner Authentizität, einer „historischen Realität “ wie Albrechten es nennt. Auch der gesamte Prozess des Filmschnitts erfuhr durch die frühe Einbeziehung des Sounddesigners eine Veränderung. „Ich bekam eine Sequenz, fügte Tonelemente hinzu und mischte sie in Stems, die ich an den Editor zurückgab. Damit konnte er weiter schneiden. Es entstand eine Interaktion“. Dieses Wechselwirkung zwischen Bildschnitt und Tongestaltung erstreckte sich auch auf die Filmmusik. Filmkomponist Jonas Struck war ebenfalls frühzeitig Teil des Teams, womit auf die Verwendung von Temp-Musik komplett verzichtet werden konnte. „Als der Bildschnitt begann, gab es bereits ungefähr zwanzig Stücke, die verwendet werden konnten. Die Stimmung der Originalmusik war von Anfang an gegenwärtig“.

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Wiederholt betonten Albrechten und Ginzel, der etwa ein Jahr vor der Filmmischung Teil des Tonteams wurde, dass die hohe Qualität der Tongestaltung nur durch den langen Zeitraum und ihre frühe Einbeziehung in das Projekt möglich war. Der außergewöhnlich große Zeitrahmen konnte auch dazu genutzt werden, viele historische Töne zu recherchieren und spezielle Aufnahmen anfertigen zu lassen. So konnte Albrechtsen Tonaufnahmen von B52 Flugzeugen, Originaldurchsagen , die nach dem Absturz gesendet wurden, und Teile von historischen Blackbox-Aufnahmen finden und diese in das Sounddesign integrieren. Für die im Original größtenteils nur stumm vorhandenen dokumentarischen Filmaufnahmen verwendete er Kontaktmikrofonaufnahmen, die ihm der dänische Klangkünstler Jacob Kirkegaard zur Verfügung stellte. „Diese Aufnahmen waren das Schlüsselelement um die stummen Archivbilder in den Fluss des Filmes zu integrieren.“

Während des Panels wurden zu verschiedenen Szenen des Films die einzelnen Tonebenen getrennt vorgespielt und so der Aufbau des Sounddesigns verdeutlicht: Bei „The Idealist“ entwickelte sich die Tonspur des Films quasi parallel zum Filmschnitt. „Von Anfang an hatten wir die verschiedenen Teile als Stems vorliegen, so konnten wir sagen, wir nehmen dieses Element hier und verwenden jenes an einer anderen Stelle.“

Ginzel fasst die Arbeit am Film so zusammen: „Wirklich gutes Sounddesign fängt lange vor dem Dreh an, es beginnt mit dem Drehbuch und einem Regisseur, der den Möglichkeiten des Sounddesigns offen gegenüber steht“.

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